Leitfaden - Lehren und Lernen

"Das Lehren und Lernen ist die eine Seite des Unterrichts. Die andere Seite ist das Da-Sein und das Zusammensein. Jede Unterrichtsstunde ist zugleich eine Stunde des eigenen Lebens, sowohl für die Lehrenden als auch für die Lernenden." (Marion Bergk)

Kleiner Leitfaden für die ehrenamtliche Mitarbeit

Um euch die Mitarbeit zu erleichtern, möchten wir euch auf einige pädagogische und praktische Prinzipien aufmerksam machen, die unserer Unterrichtstätigkeit zugrunde liegen.

  1. Freiwilligkeit ist ein integraler Bestandteil unserer Arbeit. So wie wir freiwillig unterrichten, besuchen auch die Flüchtlinge unsere Kurse, ohne dazu gezwungen zu werden. Erfahrungsgemäß kommen sie gerne, allerdings nicht unbedingt regelmäßig. Es kann passieren, dass von einer Woche zur anderen die Besetzung völlig wechselt und du mit neuen Gesichtern konfrontiert bist. Das kann verschiedene Gründe haben und sollte mit Gelassenheit und Offenheit hingenommen werden. Am besten startet man immer wieder einfache Fragerunden, um die Neuankömmlinge gleich einzubinden.

  2. Auch die Pünktlichkeit ist für manche ein Problem; wir beginnen trotzdem zur angekündigten Uhrzeit und hören auch pünktlich auf (Kursdauer 90 min). Ob und wie lange jede/r Einzelne teilnimmt, bleibt ihm/ihr selbst überlassen.

  3. Wir möchten den AsylwerberInnen nicht nur die deutsche Sprache beibringen, sondern ihnen durch unsere Tätigkeit vor allem soziale Kontakte und die größtmögliche Orientierung in ihrem Alltag ermöglichen. Dazu ist es von Nöten, den Alltag in den Unterricht einfließen zu lassen und so praxisnah wie möglich zu arbeiten. Themen wie zum Beispiel Einkaufen, Arztbesuch, Freizeitgestaltung, aber auch Amtstermine und der Meldezettel sind insofern sehr wichtig.

  4. Die AsylwerberInnen – unsere „SchülerInnen" – kommen aus Krisenregionen und sind wegen Krieg, drohender Verfolgung, Hunger, Armut oder politischer Probleme emigriert. Viele leiden unter den Folgen von körperlichen und seelischen Traumatisierungen, was sich auch auf ihr Verhalten im Unterricht auswirken kann (Konzentrationsprobleme, Lernschwäche etc.). Darauf sollen und müssen wir Rücksicht nehmen. In diesem Kontext haben autoritäre Unterrichtsstile keinen Platz!

  5. Ob ihr Hausübung gebt oder nicht, liegt an euch. Einige werden sich freuen, dass sie alleine weiterüben können, andere hingegen machen die Aufgaben nicht. Insofern ist es sinnvoller, Zusatzaufgaben mitzubringen, die jede/r für sich machen kann, aber die für den Lernfortschritt nicht unbedingt von Nöten sind.

  6. Für die meisten AsylwerberInnen gehören wir zu den wenigen Menschen, die sie außerhalb der Flüchtlingspension kennenlernen. Daher kommt es immer wieder vor, dass sie uns um einen Gefallen bitten oder um Rat fragen z.B. bei asylrechtlichen Problemen. Es liegt in eurem Ermessen, darauf einzugehen oder klarzustellen, dass ihr das nicht leisten könnt. Bei rechtlichen Fragen lassen wir uns im Notfall von PIVA (Tel. 04242-36363) beraten.

  7. Es kommt immer wieder vor, dass AnalphabetInnen in der Gruppe sind. Parallel zum normalen Unterricht ist es fast unmöglich, sie zu betreuen. Wenn ihr im Team unterrichtet, kann sich vielleicht eine Person darum kümmern. Ideal wäre es, in Absprache mit dem Team bei Bedarf einen zusätzlichen Alphabetisierungskurs einzurichten.

  8. Seid vorsichtig mit Geschenken, vor allem für Kinder – am besten zuerst die Eltern fragen, ob sie einverstanden sind. Mit 40 € Taschengeld im Monat können sie selbst ihren Kindern selten etwas schenken und es wäre nicht gut, wenn wir als die großen Gönner auftreten. In erster Linie wollen wir den Leuten Deutsch beibringen, und das ist schon sehr viel wert.

  9. Bitte führt eine Liste mit den TeilnehmerInnenzahlen für unsere Statistik: wie viele Männer und Frauen (falls vorhanden auch Kinder) bei jedem der Termine anwesend sind, und notiert eure Ausgaben (km-Geld/Kopien).

  10. Wenn die TeilnehmerInnen einverstanden sind und es euch einmal gut ins Konzept passt, wäre es nett, wenn ihr das eine oder andere Foto machen könntet. Wir brauchen immer wieder gute Bilder für die Homepage und die Zeitung!

  11. Wenn jemand keine Lust oder keine Zeit mehr hat, bitte rechtzeitig Bescheid geben! Gut wäre es natürlich, einen Durchgang, also ein ganzes Semester, dabei zu bleiben; für die Flüchtlinge sind konstante Bezugspersonen sehr wichtig. Es wäre wünschenswert, wenn pro Semester mindestens 12 Termine abgehalten werden, also bei Ausfällen zwischendurch entweder den Termin auf einen anderen Tag verschieben (nachholen/vorziehen) oder sich bei Zeiten um eine/n „Springer/in" bemühen.

Dieser „Leitfaden" ist kein „Befehl von oben", sondern enthält Vorschläge, die unserer Erfahrung nach die Arbeit um Einiges erleichtern – und zwar für beide Seiten. Und nun wünschen wir einen guten Start und Freude beim Lehren-Lernen!

Euer Vobis-Team