Freitags im Jauntal

Freitags im Jauntal
Laura Ippen schildert ihre Eindrücke einer (nicht) ganz normalen Deutschstunde aus der Pension Katharina in St.Veit im Jauntal
Heute ist Freitag, "Deutschkurstag", und das heißt: Auto ausleihen, nach Klagenfurt fahren, meine KollegInnen einsammeln (ja, "KollegInnen" mit großem I, denn wir haben auch einen Mann im Team - Männer sind rar bei Vobis, wie überall im Sozialbereich, ob bezahlt oder nicht), und dann auf ins sog. Unterland. Wen werden wir antreffen? Das wissen wir vorher nie so genau ...

Es gibt immer wieder gute Gründe, warum diese und jener unserer SchülerInnen heute nicht dabei ist: Amtswege, Arztbesuche, Kopfschmerzen oder weil sie schon wieder in eine andere Pension in Kärnten umgesiedelt wurden. (Die Gründe für die hohe Fluktuation zwischen den Pensionen liegen im Dunkeln, sprich: beim Flüchtlingsreferat des Landes und sind selten nachvollziehbar.) So ist die wichtigste Kompetenz einer Vobis-Fachkraft nicht das didaktische Know-How aus dem Lehrbuch, sondern Flexibilität.

Natürlich habe ich meinen Unterricht vorbereitet, habe ein Thema ausgewählt, Übungen dazu er - oder gefunden, Arbeitsblätter kopiert, aber gleichzeitig weiß ich, dass die Stunde vermutlich ganz anders verlaufen wird, als ich sie geplant habe. Weil plötzlich neue Gesichter da sind, AsylwerberInnen, die gerade erst angekommen sind und noch kein Wort Deutsch sprechen. Oder weil plötzlich ein Thema auftaucht, dass alle Übungsblätter überflüssig macht. Da ist Kreativität gefragt. Und Sensibilität.

Die üblichen Eingangsfragen nach Name, Alter, Herkunft dienen dem Deutsch- und dem Kennenlernen zugleich. Beim Geburtsdatum wird es schon schwierig, nicht alle wissen so genau, wann sie geboren wurden. Und viel von dem, was zwischen ihrer Geburt und dem heutigen Tag liegt, kommt nicht zur Sprache, will nicht erinnert werden oder ist unaussprechbar. Das macht die Themenfindung nicht einfacher. Alphabet, Zahlen, Zeiten, Wetter, das geht ganz gut. Aber schon das Thema Familie kann traumatische Erinnerungen wecken. Viele haben keine Familie mehr ...

Schule und Beruf heitern sie ebensowenig auf, wie jede andere Frage nach der Zukunft, die so düster ist, wie der Nebel vorm Fenster. Selbst Lebensmittel durchzunehmen ist heikel, denn die "Grundversorgung", die sie erhalten, weicht oft von dem ab, was sie gerne hätten, um sich hier willkommen zu fühlen. Futur steht sowieso nicht auf dem Lehrplan, aber Vergangenheitsformen sollten sie verwenden können.

"Ich habe geschlafen. Ich bin aufgestanden. Ich habe gegessen. Ich bin wieder schlafen gegangen."

"Und was habt ihr sonst noch gemacht?"

"Nichts."

"Wann warst du denn das letzte Mal in Klagenfurt?"

"..."

Nach Klagenfurt fahren heißt 5 km Fußmarsch und Geld für ein Zugticket haben.

"Aber ihr habt doch sicher Fußball gespielt?"

Das Fußballspielen ist ihnen von der Dorfgemeinschaft verboten worden. Sie seien zu laut. Lauter als die Einheimischen, wenn sie Fußball spielen? Ich glaube es kaum. Es liegt nicht an der Lautstärke, sondern ist eine Frage der Herkunft, der Zugehörigkeit. Und "die" gehören eben nicht dazu.